Linguistic landscape macedonia

Repräsentation von Mehrsprachigkeit in der Linguistic Landscape Mazedoniens

Julian Nitzsche

Die Untersuchung der Linguistic Landscape eines Gebietes ist in mehrsprachigen Gebieten, wie es Mazedonien traditionell eines ist, eine Möglichkeit, mehr über Prestige, Hierarchien und das Verhältnis der dort gebrauchten Sprachen untereinander herauszufinden.

Die Beziehung insbesondere zwischen den beiden größten Sprechergruppen in Mazedonien (Mazedonisch und Albanisch), die sich im Wesentlichen mit den beiden maßgeblichen ethnischen Gruppen decken, war – nicht nur – in den letzten drei Jahrzehnten konfliktreich. Während eine Gruppe – die slawischsprachigen Mazedonier, größtenteils Christen – die Titularnation des 1991 unabhängig gewordenen Staates stellt, deren Eigenständigkeit in der Vergangenheit von den Nachbarn insbesondere aus Bulgarien und Serbien immer wieder in Frage gestellt wurde, ist die andere, die zum großen Teil muslimischen Albaner, zwar eine Minderheit, jedoch eine zahlenmäßig relativ starke. Zur Volkszählung 2002 – der bislang letzten – stellten sie einen Anteil von immerhin einem Viertel der Bevölkerung. Dieser dürfte sich in den letzten 15 Jahren noch deutlich vergrößert haben. Vor dem Hintergrund des Krieges im benachbarten Kosovo und dessen Unabhängigkeit sowie der bewaffneten Unruhen im vorwiegend albanischen Nordwesten Mazedoniens 2001 ist die Situation zwischen den beiden großen Gruppen angespannt.

Nach 2001 wurde mit dem Ohrid-Prozess eine allmähliche Entspannung eingeleitet. Der albanischen Volksgruppe wurden gewisse sprachliche Rechte und Institutionen – darunter eine Universität – zugestanden, auch der Gebrauch des Albanischen im öffentlichen Raum entwickelte sich positiv. Dennoch kam es, insbesondere im Vorfeld von Parlamentswahlen, immer wieder zu öffentlich ausgetragenen Konfrontationen, wie z.B. 2012 um den Bau einer orthodoxen Kirche auf der osmanischen Festung Kale oder im März 2016 um die geplante Errichtung eines weiteren monumentalen Kreuzes in einem Vorort von Skopje. Die nach dem Machtwechsel 2017 eingeleitete Diskussion über die Schaffung eines offiziell mehrsprachigen Staates wird daher kontrovers geführt. Während die albanische Seite auf der Umsetzung der ihr zugesprochenen Rechte beharrt, fürchten einige slawische Mazedonier die Schwächung ihres Nationalstaates – der ohnehin mit Identitätskomplexen belastet ist. Das entsprechende Gesetz, das Albanisch zur zweiten Amtssprache erhebt, wurde schließlich im Januar 2018 verabschiedet.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich anlässlich der Exkursion im September 2017 etwas näher mit dem aktuellen Stand der öffentlichen Mehrsprachigkeit im de facto ohnehin mehrsprachigen Mazedonien beschäftigt. Meine Beobachtungen habe ich verglichen mit den Eindrücken, die ich bei einem ersten Aufenthalt im Sommer 2008 sammeln konnte – also fast ein Jahrzehnt zuvor.

Skopje/Shkup

Als Landeshauptstadt und Sitz der politischen und wirtschaftlichen Macht hat Skopje ein besonderes Prestige, dass im Zuge der Arbeiten im Rahmen von „Skopje 2014“ unter der Regierung von Nikolai Gruevski in den letzten Jahren auf oft eher zweifelhafte Art und Weise noch ausgebaut wurde. Das nationale Prestige für das christliche, slawischsprachige Mazedonien – manifestiert durch das überdimensionierte Kreuz auf dem Berg Vodno, das Tag und Nacht über der Stadt thront – wird konterkariert durch die Tatsache, dass die osmanische Altstadt überwiegend von (muslimischen) Albanern bewohnt wird. Diese stellten 2002 in der gesamten Stadt ein Fünftel der Einwohnerschaft. Dennoch war Albanisch außerhalb der Altstadt im Jahr 2008 kaum präsent.

Knapp ein Jahrzehnt später fällt dagegen bereits bei der Einfahrt in die mazedonische Hauptstadt auf, dass die Wegweisung auf der Autobahn und an den Abfahrten nicht mehr nur Ziele in mazedonischer Sprache und englischer Transkription ausweist, sondern diese nunmehr auch auf Albanisch angeführt werden – in gleicher Schriftgröße. Bei einem Stadtrundgang zeigte sich, dass  das selbe auch für die innerstädtische touristische Wegweisung zu den Sehenswürdigkeiten gilt. Bemerkenswert ist hier lediglich die Reihenfolge der Sprachen: Mazedonisch ist als erstes angeführt; an zweiter Stelle folgt jedoch nicht Albanisch, sondern Englisch als „Touristensprache“.

Abbildung 1: Innerstädtische Beschilderung in mazedonischer, englischer und albanischer Sprache

Anders handhabt es die Stadtgemeinde Çair, auf deren Territorium sich die – größtenteils von albanischen Muslimen bewohnte – Altstadt (befindet. Die hiesigen Straßennamensschilder führen den albanischen Namen an erster Stelle an, darunter folgt (in gleicher Größe) die mazedonische Übersetzung. Auch zahlreiche Aufschriften an Geschäften und in Schaufenstern der Altstadt sind zweisprachig oder (seltener) nur in albanischer Sprache. Hinzu kommt an einigen Stellen das Türkische, insbesondere an religiösen und kulturellen Einrichtungen sowie an den Einrichtungen der türkischen Minderheit, die in Skopje etwa 1,7 % der Bevölkerung stellt.

Abbildung 2: Zweisprachiger Aushang in einem Schaufenster in der Altstadt von Skopje

Selbst an Leuchtanzeigen der im Rahmen des Großbauprojektes 2014 angeschafften roten Doppelstockbusse, die Skopje weltstädtischen Flair verleihen sollen, wechseln sich die Zielbezeichnungen in mazedonischer und albanischer Sprache ab. Andererseits fehlt das Albanische an Orten, wo man es zwingend vermutet hätte. Die Informationstafeln an der ebenfalls neu errichteten Mutter-Teresa-Gedächtniskirche im Zentrum sind auf Mazedonisch und Englisch, obwohl Anjezë Gonxha Bojaxhiu zweifelsfrei albanische Muttersprachlerin war. Die Statue vor der Kirche trägt sogar eine rein mazedonische Gedenktafel.

Abbildung 3: Straßenschild in Çair (Skopje) mit albanischer Bezeichnung an erster Stelle

Auch in die Beschilderung entlang der Autobahnen hat das Albanische als zweitgrößte Sprache im Land Einzug gehalten, so z.B. an der „Mutter-Teresa-Autobahn“ von Skopje nach Tetovo. So werden beispielsweise an Mautstationen neben Mazedonisch an erster Stelle und Albanisch an zweiter noch die internationalen Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch angeführt.

Abbildung 4: Informationstafel an der Mutter-Teresa-Gedächtniskirche (Skopje)

Tetova/Tetovo

Im Gegensatz zu Skopje überwiegt in der westlich gelegenen Stadt Tetovo/Tetova das Albanische im Stadtbild deutlich, was angesichts der albanischen Mehrheit von 70 % in der Gemeinde und dem Status Tetovos als „heimliche Hauptstadt“ der mazedonischen Albaner kaum verwundert. Auch mazedonische Flaggen sind – ganz anders als in Skopje – kaum präsent. In der innerörtlichen Wegweisung, für die die Gemeinde verantwortlich ist, steht Albanisch entsprechend den Mehrheitsverhältnissen an erster Stelle, Mazedonisch an zweiter.

Abbildung 5: Dreisprachige Beschilderung an der „Mutter-Teresa-Autobahn“ von Skopje nach Tetovo

Dibra/Debar

Auch die Bevölkerung des ganz im Westen des Landes in unmittelbarer Nähe zur albanischen Grenze gelegenen Dibra (Debar) ist überwiegend albanisch. Das albanische steht daher in der Beschilderung – auch an Ortsschildern etc. – an erster Stelle.

Centar Župa

Das überwiegend von Muslimen bewohnte Gebiet von Župa oberhalb des Debar-Stausees hebt sich sprachlich von den albanischen Gebieten Westmazedoniens ab. Die muslimischen Einwohner der Dörfer von Župa deklarieren sich entweder als Türken (laut der Aussage eines in der Gemeinde angesehen Einwohners beinahe ausschließlich) oder als mazedonische Muslime (laut der Aussage des Arztes von Župa mehrheitlich). Die Frage nach der ethnischen bzw. nationalen Identität der Bewohner von Župa scheint also nicht abschließend geklärt.

In der Linguistic Landscape dominiert das Mazedonische, welches auch am Ortsschild an erster Stelle steht. Sehr präsent, jedoch in der Regel nachrangig, ist zudem das Türkische. Am repräsentativ in der Ortsmitte platzierten Atatürk-Denkmal steht es an erster Stelle (über der mazedonischen Inschrift), ansonsten meist darunter. Albanisch ist kaum in der Öffentlichkeit vertreten und wird – wiederum gemäß der befragten Einwohner – trotz der geographischen Nähe zu Dibra/Debar wenig gesprochen.

Abbildung 6: Innerstädtische Wegweisung in Tetovo mit Albanisch an erster Stelle

Völlig konfliktfrei scheint das Verhältnis zwischen den Sprachgruppen dennoch nicht zu sein, zumindest wurden die zusätzlichen türkischen und lateinisch-mazedonischen Ortsnamen am Ortsschild von Dolno Melničani/Asago Melnican auf dem Weg von Debar nach Župa übersprüht.

Abbildung 7: Atatürk-Statue mit türkisch-mazedonischer Inschrifttafel in Centar Župa

Dolna Gorica/Gorica e Vogël

Gorica ist eines jener Dörfer am albanischen Ufer des Prespasees, direkt hinter der mazedonischalbanischen Grenze, in denen vorwiegend Mazedonisch gesprochen wird. Anders als sämtliche anderen nationalen Minderheiten genossen die Mazedonier von Prespa auch während des kommunistischen Regimes unter Enver Hoxha gewisse sprachliche Rechte. Der landesweit bekannte Schriftsteller Sterjo Spasse war ethnischer Mazedonier aus den Prespadörfern, schrieb jedoch größtenteils auf Albanisch.

2013 wurde die bisherige Gemeinde Liqenas, in der sich die mazedonischen Dörfer befinden, offiziell in „Pustec“ umbenannt, erhielt also ihren mazedonischen Namen als offizielle Bezeichnung. Das Gemeindewappen besteht aus dem Stern von Vergina, als dem mazedonischen Symbol schlechthin, das in den frühen 1990er Jahren auch die Flagge der Republik Mazedonien zierte.

Abbildung 8: Übersprühtes Ortseingangsschild nahe Centar Župa

Straßenschilder, Wegweiser und Hinweistafeln an öffentlichen Einrichtungen in den besuchten Orten der Gemeinde Pustec sind zweisprachig, wobei das Mazedonische als lokale Mehrheitssprache dennoch an zweiter Stelle hinter dem Albanischen steht. Auf dem (christlichen) Friedhof von Dolna Gorica dominieren mazedonisch-kyrillische Grabinschriften, wobei eine bemerkenswerte Anzahl auch in lateinischer Schrift gehalten ist, was sicher auf den Einfluss der albanischen Staatssprache zurückzuführen ist. Auffällig erschien, dass die von der Kirchgemeinde angefertigten „vorläufigen“ Holzkreuze für kürzlich Verstorbene ausschließlich kyrillisch beschriftet waren, während die – von den Familien in Auftrag gegebenen – Grabsteine teils kyrillisch, teils lateinisch beschriftet waren. An einer Gebäudewand in der Nähe der Kirche fanden sich eingekratzte Inschriften (vermutlich von Jugendlichen) sowohl in lateinischer als auch in kyrillischer Schrift.

Abbildung 9: Wappen der Gemeinde Pustec (Liqenas) mit dem „Stern von Vergina“

In der Schule von Dolna Gorica wird auf Albanisch und Mazedonisch unterrichtet. Von den Schülern gestaltete Aushänge in den Fluren sind entweder Mazedonisch (häufiger) oder Albanisch (seltener), jedoch nicht zweisprachig. Auf dem Schreibtisch der Direktorin stehen die albanische Staatsflagge sowie die alte Flagge der Republik Mazedonien mit dem Stern von Vergina. Die Hinweistafel am Wahlkampfbüro des Bürgermeisterkandidaten E. Temelko war beinahe komplett in mazedonischer Sprache gehalten, mit Ausnahme der Benennung seines Wahlbündnisses, das vermutlich aus rechtlichen Gründen einen albanischen Namen tragen muss. Auch zwei Wahlplakate in den Fenstern des Gebäudes waren komplett zweisprachig, mit Mazedonisch an erster Stelle.

Abbildung 10: Grabstein (lateinisch) und Grabkreuz (kyrillisch) auf dem Friedhof von Dolna Gorica

Ohrid/Ohri

In Ohrid als der beinahe mythisch aufgeladenen „kulturellen Hauptstadt“ Mazedoniens und einem der bedeutendsten Orte der mazedonischen sowie bulgarischen Geschichte überwiegt das Mazedonische im Stadtbild. Dennoch stellen – vorwiegend albanische und türkische – Muslime ein knappes Fünftel der Stadtbevölkerung, was sich zwar kaum in der offiziellen Beschilderung niederschlägt, besonders in und an den Ladengeschäften in der Altstadt (Čaršija) jedoch sicht- und hörbar wird. Hier sind auch die türkische und albanische Sprache in Schaufenstern und Tischgesprächen präsent, die Kebabstände heißen „Adana“ und es werden (neben den üblichen Klosterkirchen) auch Atatürk-Postkarten feilgeboten.

Abbildung 11: Hinweistafel am Wahlkampfbüro des Bürgermeisterkandidaten (Dolna Gorica)

Die Aushänge in der staatlichen Postfiliale von Ohrid mit Tarifinformationen waren vollständig zweisprachig Mazedonisch-Albanisch.

Fazit

Dass Mazedonien – in deutlich größerem Maße als seine Nachbarn Bulgarien, Griechenland und Albanien – ein mehrsprachiges Land ist, wird in der Linguistic Landscape der untersuchten Orte durchaus deutlich, wenngleich die sprachlichen Minderheiten nicht immer und überall in angemessenem Ausmaß berücksichtigt und repräsentiert werden. Die Präsenz des Albanischen als zweitgrößter Sprache im Land hat sich im Vergleich zu 2008 insbesondere in Skopje deutlich vergrößert. Es bleibt abzuwarten, inwiefern die Anerkennung des Albanischen als zweiter Amtssprache und der Umbau Mazedoniens zu einem offiziell mehrsprachigen Staat das Straßenbild weiter diversifizieren werden. Insbesondere die Auswirkungen der neuen Regelungen auf die kleineren Sprachminderheiten, vor allem die türkische, werden sich erst im Laufe des Prozesses zeigen.

Abbildung 12: Mehrsprachiges Schaufenster und Kebabhaus „Adana“ in der Altstadt von Ohrid

 

 


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