Forgotten Spaces

Forgotten Spaces in border regions

Michał Piasek

Die DAAD-Reise nach Mazedonien und Albanien führte die Gruppe in Regionen, wo sich die Grenzen über Jahrhunderte verschoben haben und neue Grenzen gezogen wurden. Und das sowohl Sichtbare als auch Unsichtbare. Das Osmanische Reich prägte die Region besonders, sodass nicht nur neue politische Grenzen entstanden, sondern auch religiöse. Viele der Grenzen sind größtenteils unsichtbar, sodass hier nur vier ausgewählte Orte, die auf der folgenden Karte eingezeichnet sind, vorgestellt werden.

In diesem Beitrag soll die Erfahrung der vermeintlichen „Grenzüberschreitung“ dargestellt werden. Das geschieht anhand vier ausgewählter Orte: Debar, Dolna Gorica, Zogaj und Rreth-Libofshe (Die Orte wurden nach ihrem Besuchsdatum geordnet und können der Karte entnommen werden). Bis auf Rreth-Libofshe, liegen die Orte an den politischen Grenzen Mazedoniens/Albaniens bzw. Montenegros/Albaniens. Rreth-Libofshe hingegen bildet einen eigenen spezifischen Raum, der später erläutert wird. Bis auf Debar, das größtenteils albanischsprachig ist, liegen die anderen drei Orte im heutigen Albanien. Die vorgestellten Räume verbindet dieselbe jahrhunderte andauernde osmanische Geschichte, sowie die etlichen politischen Veränderungen im 20. Jahrhundert. Neue politische Systeme, Migrationen und Regime, die diese Räume stark prägten. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass die Orte jeweils von Gruppen bewohnt werden, die in der Minderheit zur Staatssprache stehen.

Sal markja memorial park

Alter osmanischer Friedhof an der Mazedonisch-Albanischen Grenze in der Nähe von Debar. Von außen ist dieser Ort unsichtbar, doch sobald das Waldstück betreten wird, werden alte osmanische Spuren sichtbar. Im Jahre 1395 wurde die Region von den Osmanen erobert und markierte im 15. Jh. eine wichtige Grenze zwischen der Liga von Lezha unter Gjergj Kastrioti und den Osmanen. Die Region blieb bis zu den Balkankriegen 1912/13 unter osmanischer Herrschaft. Gegenwärtig wird Debar zu über 90% von Albanischsprachigen Personen bewohnt. Der Islam hat in dieser Region historisch bedingt die meisten Angehörigen. Die Angehörigen in dem Gebiet sind Albaner, Torbeschen und Türken.

Dolna Gorica

Nachdem Enver Hoxha in den 1970er Jahren die ursprünglichen slawischen Toponyme in albanisierte tauschte, wurde im Jahre 2013 die als Goricë e Vogël bekannte und mazedonischsprachige Ortschaft am Prespa See wieder umbenannt, sowie alle weiteren Orte in der Gemeinde. Der Ort bildet mit acht weiteren Ortschaften am Prespa See die einzige offiziell anerkannte Gemeinde einer mazedonischsprachigen Gruppe. Nach etlichen Grenzverschiebungen befindet sie sich nun auf albanischer Seite des Prespa Sees. Sie zeichnet sich durch die mazedonischsprachige Schule und eine kleine orthodoxe Kirche mit Friedhof aus.

Osmanische Grabsteine neben der Moschee in Zogaj am Shkodra See.

Der Ort befindet sich etwa einen Kilometer von der montenegrinischen Grenze. Nach der Belagerung von Shkodra 1478/79 war Zogaj ebenfalls bis zu den Balkankriegen 1912/13 unter Osmanischer Herrschaft. Die Reste, wie dieser Grabstein zeigt, sind heute noch sichtbar. Heute lebt in dieser Region eine kleine Gruppe von Sprechern des Serbischen/Montenegrinischen (Der letzte Zensus von 2011 wurde von nicht-Albanischsprechern größtenteils boykottiert und kann deshalb nicht als repräsentativ gelten).

Friedhof am Kloster „Manastiri i Shën Kozmait“ in der Nähe von Rreth-Libofshe.

In der Ortschaft leben sich selbst deklarierende Serben, die muslimischen Glaubens sind. Sie kamen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aus der Gegend um Novi Pazar. Es handelt sich hier um einen isolierten Raum, da sich die anderen Serbisch-/Bosnischsprachigen Gruppen in der Region Fier als Bosniaken deklarieren.

Es handelt es sich nur um eine Auswahl dieser sog. „Forgotten Spaces“ entlang der heutigen Staatsgrenzen. Es existieren noch unzählige weitere Glaubenshäuser, Klöster, Friedhöfe etc., die alte Grenzen, vor allem aus der osmanischen Zeit wieder sichtbar werden lassen. Die Räume (Friedhöfe und religiöse Bauten) zeigen auch unterschiedliche geschichtliche Ereignisse. Die Frage letzten Endes bleibt, ob die Räume weiter vergessen bleiben oder sie doch eine Rolle spielen werden bei der Weiterentwicklung dieser Regionen. Sie bereichern zumindest die kulturelle Landschaft und geben Material für weitere Untersuchungen.

 


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