Mehrsprachigkeit

Zur Mehrsprachigkeit innerhalb der einheimischen Bevölkerung Mazedoniens und Albaniens – Kurzprofile lokaler Bewohner

Fotos und Text: Darinka Antić und Luca Paggiaro

Die Frage nach der nationalen Zugehörigkeit kann sich auf dem Balkan als schwierig erweisen. Somit war die Frage nach den Sprachkenntnissen weniger „problematisch“ und einfacher zu beantworten. Außerdem ermöglichte sie uns einen besseren Zugang zu den Menschen und führte zu aufschlussreichen Antworten.

Während der Exkursion nach Mazedonien und Albanien ist unsere Reisegruppe oft mit dem Thema der Mehrsprachigkeit in Berührung gekommen, was zunächst visuell durch die vielfältigen Linguistic landscapes geschah und die damit verbundene Präsenz von mindestens zwei Sprachen. Dies begegnete uns vor allem in Städten, wie zum Beispiel bei Straßenschildern und Beschilderungen von Regierungsgebäuden in Skopje. Diese von oben gesetzten Zeichen tragen sowohl das mazedonische als auch das albanische Äquivalent. Bei den von unten gesetzten Zeichen, unter anderem die Namensschilder an Geschäften, Restaurantnamen, Speisekarten etc., kommen noch weitere Sprachen, wie das Türkische, Englische und Arabische hinzu. Das Vorhandensein der vielen verschiedenen Sprachen in der Linguistic landscape kann Aufschluss über die ethnische Zusammensetzung einer Stadt geben und macht die Mehrsprachigkeit deutlich sichtbar. Im Mittelpunkt unserer Feldforschung standen jedoch die „Protagonisten“ dieser visuellen Mehrsprachigkeit, d.h. die lokalen Einwohner der bereisten Dörfer und Städte.

Exkursionsteilnehmer Luca im Gespräch mit Bauarbeiter Agron in einem Cafe in Centar Župa

Im Rahmen unserer Feldforschung, konnten wir mit Einheimischen unterschiedlicher Volkszugehörigkeit und unterschiedlichen Alters und Milieus in Kontakt treten und Gespräche führen, unter anderen mit Verkäufern auf dem Basar in Skopje, Rentnern in kleinen albanischen Dörfern und einem nach Westeuropa emigrierten Mazedonier türkischer Nationalität. In diesen Interviews fragten wir die Hiesigen, welche Sprachen sie noch beherrschen, in welcher Situation diese Sprachen zum Einsatz kommen und wie der Spracherwerb erfolgte. Unsere Gruppe versuchte die Muttersprache(n) unserer Gesprächspartner zu definieren, was allerdings nicht immer leicht war, denn einige durften beispielsweise die eigene Muttersprache nur im Verborgenen, d.h. im engsten Familienkreis benutzen. Darüber hinaus erkundigten wir uns nach ihren Biografien, um die soziohistorischen Hintergründe und Entwicklungen der Mehrsprachigkeit innerhalb der lokalen Bevölkerung Mazedoniens und Albaniens zu erforschen. So konnten wir erfahren, dass der Sprachgebrauch bei einigen Interviewpartnern im Lauf ihres Lebens bedeutenden Änderungen unterlaufen ist. In der kommunistischen Zeit zum Beispiel, wurden einige Sprachen nicht so oft verwendet oder in der Öffentlichkeit sogar unterdrückt, während andere Sprachen durch die Auswanderung erworben wurden. Die nachfolgenden Kurzprofile verdeutlichen dies.

Exkursionsteilnehmerin Darinka beim Tee mit Antikshopbesitzer Mendur; Foto: S. Stankovic

Fadil

Besitzer eines Marktstandes in Skopje

Sprache: Albanisch (Muttersprache)
Erwerb: Eltern (Sein Vater ist aus dem Kosovo)
Nutzung: Familie, Freunde, Kunden

Sprache: Mazedonisch (2. Muttersprache)
Erwerb: Schule (Er wurde in Skopje geboren)
Nutzung: Freunde, Kunden, Behörden

Sprache: Englisch (gute Kenntnisse)
Erwerb: Über Serien
Nutzung: Kunden

Sprache: Türkisch (sehr einfache Kenntnisse)
Erwerb: Schule, Eltern (Ziel war es, in die Türkei auszuwandern)
Nutzung: keine (Daher sind keine guten Sprachkenntnisse mehr vorhanden)

Sprache: Serbokroatisch (sehr einfache Kenntnisse)
Erwerb: Schule
Nutzung: sporadisch mit Kunden

Im Jahre 1955 plante Fadils Familie aus Ihrer Heimat, dem Kosovo, in die Türkei zu emigrieren. Ihre Reise führte sie zunächst nach Mazedonien, wo lediglich ein Zwischenstopp geplant war. Die Familie konnte ihre Reise jedoch nicht fortsetzten und blieb in Skopje, wo Fadil später geboren wurde. Heute ist er verheiratet und hat einen Sohn und hegt denselben Traum, wie ihn sein Vater Jahrzehnte zuvor hatte, eines Tages mit seiner Familie in die Türkei auszuwandern. Vor allem besorgt ihn seine wirtschaftliche Lage, die ihm zufolge für alle Albaner in Mazedonien ähnlich schlecht sei. In die Türkei auszuwandern bedeutet für ihn dies zu ändern und ein besseres Leben führen zu können.

Wir unterhielten uns mit ihm auf Englisch.


Mendur

Besitzer eines Antikshops, zum Thema Jugonostalgija

„Nema veze na kom jeziku govoris, svi smo naši!“

Sprache: Albanisch (Muttersprache)
Erwerb: Eltern (Seine Familie ist aus dem Kosovo)
Nutzung: Familie, Freunde, Kunden

Sprache: Mazedonisch (2. Muttersprache)
Erwerb: Schule
Nutzung: Freunde, Kunden, Behörden

Sprache: Serbokroatisch (sehr gute Kenntnisse)
Erwerb: Schule
Nutzung: Kunden

Sprache: Arabisch
Erwerb: Moschee/ Koranschule
Nutzung: Kunden/ Moschee

Mendur erzählte uns weniger über die Beweggründe seiner Familie ihre Heimat zu verlassen oder warum sie in Mazedonien blieben. Er erzählte jedoch mit Begeisterung von den „alten Zeiten“. Damals, als er in Jugoslawien lebte, fehlte es seiner Meinung nach, der Bevölkerung unter Tito an nichts und die Arbeiterklasse hatte ein ausreichend gutes Einkommen. Er kommt zu dem Schluss: „Umreo titio, umrelo sve!“ („Alles nahm sein Ende als Tito starb.“). Mendur kommt aus einer sehr gläubigen muslimischen Familie. Er betet 5-mal am Tag und geht sehr regelmäßig in die Moschee. Er berichtet stolz von seinem Bruder, der als Hodscha in Kairo arbeitet. Er wiederholt einige Male, dass die Herkunft, Nationalität, Sprache und der Glaube keine Rolle spiele, sondern es lediglich darum ginge fleißig, ehrlich gebildet und fair seinen Mitmenschen gegenüber zu sein.

Wir führten unsere Unterhaltung auf Serbokroatisch.


Adnan

Besitzer eines Teppichgeschäftes in Skopje

„Svaki jezik je bogadstvo, nema veze koji!“

Sprache: Albanisch (Muttersprache)
Erwerb: Eltern (Er kommt aus Peć, Kosovo)
Nutzung: Familie, Freunde, Kunden

Sprache: Mazedonisch (2. Muttersprache)
Erwerb: Schule (Er kam als Kind nach Skopje)
Nutzung: Bekannte, Kunden, Behörden

Sprache: Serbokroatisch (sehr gute Kenntnisse)
Erwerb: Schule
Nutzung: Kunden

Sprache: Türkisch (einfache Kenntnisse)
Erwerb: Schule (Ziel war es in die Türkei auszuwandern)
Nutzung: Kunden (sporadisch)

Adnans Familie wollte aus ihrer Heimatstadt Peć in die Türkei auswandern. Nachdem sie sich bereits auf den Weg gemacht hatten, verhinderten neue Gesetzte unter Ranković dies und die Familie verwarf ihre Pläne. Er lernte 12 Jahre lang Türkisch in der Schule. Er ist zwar nicht zufrieden in Mazedonien, denkt aber, dass es seiner Familie und ihm im Kosovo und Albanien noch schlechter erginge. Er merkt an, dass die auf dem Balkan weit verbreitete Mehrsprachigkeit eine Selbstverständlichkeit sei.
Unser Gespräch führten wir auf Serbokroatisch.


Vlade

Rentner aus Dolna Gorica, Albanien

Sprache: Mazedonisch (Muttersprache)
Erwerb: Schule
Nutzung: Familie, Dorfbewohner

Sprache: Albanisch (2.Muttersprache)
Erwerb: Schule
Nutzung: Bewohner aus anderen albanischen Städten (beispielsweise Tirana oder Korça)

Die mazedonische ethnische Minderheit aus dem Gebiet am Prespasee und Golloborda wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom kommunistischen Regime offiziell anerkannt, daher durften die Einwohner die mazedonische Sprache in der Schule lernen und öffentlich verwenden. Vlade arbeitete in einer landwirtschaftlichen Genossenschaft und konnte Mazedonisch auch auf der Arbeit nutzen, falls jedoch ein Vertreter aus Korça kam, dann mussten sie auf Albanisch sprechen.

Heutzutage werden weiterhin beide Sprachen gesprochen. Nach dem Fall des Kommunismus konnte Vlade nach Mazedonien reisen und dort arbeiten, außerdem hat er freien Zugriff auf Zeitungen und Fernsehen in mazedonischer Sprache. Mit Vlade unterhielten wir uns auf Albanisch und das Gespräch wurde später von einem Freund übersetzt.


Agron

Bauarbeiter aus Centar Župa, Mazedonien

„Ako ne znaš svoj majčin jezik, ne možes da živiš.“

Sprache: Türkisch (Muttersprache)
Erwerb: Schule
Nutzung: türkischsprechende Dorfbewohner und Bewohner aus den Nachbardörfern

Sprache: Mazedonisch
Erwerb: Schule
Nutzung: mazedonisch sprechende Dorfbewohner und Bewohner aus anderen Städten Mazedoniens, Familie

Sprache: Albanisch
Erwerb: Eltern (der Vater von Agron lebte in Albanien), Schule
Nutzung: Dorfbewohner, Einwohner aus Debar (mehrheitlich albanisch sprechende Bevölkerung), Familie (einige Verwanden Agrons wohnen in Albanien)

Sprache: Italienisch
Erwerb: Arbeitsaufenthalt in Italien
Nutzung: Alltagsleben, Familie (Söhne und Töchter sind in Italien eingeschult worden)

Sprache: Deutsch
Erwerb: Kurzzeitige Arbeitsaufenthalt in Österreich
Nutzung: manchmal im Alltagsleben in Südtirol (deutsch- und italienischsprachige Region Italiens)

Sprache: Serbokroatisch und Slowenisch
Erwerb: Dienst als Offizier in der Jugoslawischen Volksarmee in Serbien und Slowenien
Nutzung: heute kaum noch

Im sozialistischen Jugoslawien wurde hauptsächlich Mazedonisch gesprochen, obwohl es nicht verboten war, Türkisch und Albanisch in der Schule zu lehren und im Alltagsleben zu verwenden. Nichtdestotrotz mussten unter dem kommunistischen Regime viele türkischsprechende Dorfbewohner in die Türkei fliehen. Nach dem Fall des Kommunismus, konnten viele ehemalige Einwohner türkischer Nationalität in das Dorf zurückkehren, daher ist die Anzahl der türkisch sprechenden Bevölkerung gestiegen. Außerdem konnten die albanischen Verwandten Agrons ausreisen und ihn besuchen. In der Schule wird hauptsächlich auf Türkisch gelehrt, aber weiterhin auch auf Mazedonisch und Albanisch.

Das Gespräch führten wir auf Italienisch und Serbokroatisch.


Isuf

Rentner aus Zogaj, Albanien

Sprache: Serbokroatisch (Muttersprache)
Erwerb: Eltern (montenegrinische Abstammung)
Nutzung: Eltern, Verwandte aus Montenegro

Sprache: Albanisch (2. Muttersprache)
Erwerb: Schule
Nutzung: Familie (seine Frau ist Albanerin), Alltagsleben

Isuf wurde in Shkodra (Albanien) geboren, jedoch stammten seine Eltern aus Podgorica (Montenegro) und wanderten vor dem Zweiten Weltkrieg nach Albanien aus. Unter dem Regime von Hoxha war es in Albanien offiziell verboten, auf Serbokroatisch zu sprechen. Nur er lernte die Sprache von seinen Eltern, während seine drei Schwestern nur Albanisch beherrschten. Auch mit anderen Einwohnern jugoslawischer Abstammung in Shkodra durfte er niemals auf Serbokroatisch sprechen. Nach der Öffnung der Grenzen 1989 durfte Isuf zum ersten Mal seine Verwandten in Podgorica besuchen. In den 90er Jahren arbeitete er in der montenegrinischen Hauptstadt bei der Rüstungsfirma „Yugoimport“. Heutzutage dürfen alle Bewohner serbischer Nationalität in ihrer Muttersprache kommunizieren.

Das Gespräch führten wir auf Serbokroatisch.


Die Biographien der befragten Personen halfen uns zu verstehen, wie der weit verbreitete Multilingualismus innerhalb der Bevölkerung zustande kam.

Darüber hinaus erfuhren wir von den lokalen Bewohnern weitere Details, wie zum Beispiel, wie sich der Gebrauch bestimmter Sprachen im Lauf ihres Lebens änderte. Sie berichteten davon, dass einige Sprachen in den Hintergrund traten und an Prestige verloren. In Folge dessen, nahm ihr Gebrauch und ebenso ihre Präsenz ab. Beeinflusst wurde dies durch politische und historische Ereignisse und persönliche Entscheidungen wie z.B. der Auswanderung, die einen der Hautfaktoren für den Erwerb neuer Sprachen bildete.

 


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