Besuch der Jüdischen Gemeinde in Sarajevo

Besuch der Jüdischen Gemeinde in Sarajevo

Text: Ivana Vučina Simović, Igor Lakić, Jonna Rock, Julijana Vučo

An einem angenehmen frühen Herbstmorgen kamen wir[vier Wissenschaftler aus Deutschland, Montenegro und Serbien] zur Jüdischen Gemeinde in Sarajevo, die sich in 59, Hamdije Kreševljakovića Straße, am Fluss Miljacka befindet. Die jüdische Gemeinde hat eine lange Tradition, die bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückreicht, als die ersten sephardischen Juden nach Sarajevo kamen. Die damalige jüdische Bevölkerung von Sarajevo sprach Judäo-Spanisch. Mit der österreichisch-ungarischen Besetzung Sarajevos im Jahr 1878 kam eine bedeutende Anzahl aschkenasischer Juden aus verschiedenen Teilen des Reiches nach Bosnien und Herzegowina. Sie brachten verschiedene Traditionen und Sprachen mit. Bis dahin waren die beiden jüdischen Gruppen – die Aschkenasim und die Sephardim – bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg getrennte Gemeinschaften, obwohl sie durch die zionistische Ideologie vereint waren. In der kommunistischen Ära nach 1945 wurde die ehemalige aschkenasische Synagoge in Hamdije Kreševljakovića Straße zum sozialen, aber auch religiösen Epizentrum aller verbliebenen Juden in Sarajevo. Diese Synagoge ist bis heute das Zentrum der jüdischen Kultur und Zugehörigkeit in Sarajevo. Aus diesem Grund waren die Mitglieder der Gemeinschaft, die wir an diesem Tag im September 2018 trafen, sowohl sephardischer als auch aschkenasischer Herkunft.

Wir begannen unser Gespräch mit der Auseinandersetzung mit ihren Gedanken zum Antisemitismus. Unter den Mitgliedern der Gemeinschaft befand sich auch die Generalsekretärin der Gemeinschaft, Elma Softić-Kaunitz, die uns ihre allgemein positiven Ansichten zu diesem Thema mitteilte und von einer erheblichen Toleranz gegenüber Juden sprach. Gleichzeitig gab sie zu, dass die überwiegend muslimische Bevölkerung in Sarajevo in der Regel antiisraelische politische Einstellungen hat.

Eine junge Frau, die nicht genannt oder fotografiert werden wollte, sagte uns das: Sie fügt hinzu, dass sie in den Kommentaren oft das Wort čifut findet, das aus dem Türkischen stammt und für einen Juden in Serbokroatisch abwertend ist. Der 29-jährige Vladimir Andrle hatte eine optimistischere Wahrnehmung des Antisemitismus in Sarajevo. Sie fügt hinzu, dass sie in den Kommentaren oft das Wort čifut findet, das aus dem Türkischen kommt und für einen Juden im Serbokroatischen abwertend ist.

Der 29-jährige Vladimir Andrle hatte in Sarajevo eine optimistischere Wahrnehmung des Antisemitismus. Er denkt über die Situation so nach:
Heute sind wir die einzige jüdische Gemeinde in Europa ohne Sicherheit[Wachen und Einrichtungen]! Bedenken Sie, dass niemand die Synagoge und die Jüdische Gemeinde angegriffen hat. Wir haben nicht den gleichen Grad an Antisemitismus wie in anderen europäischen Ländern. Das meiste davon findet im Internet statt, wo Menschen das jüdische Volk beleidigen, aber das passiert nicht im “wirklichen Leben”. Nicht in Sarajevo.

Der 49-jährige Yehuda Kolonomos konnte nicht in die Gemeinschaft kommen, um uns zu treffen, aber er kam am nächsten Tag in unser Hotel. Er erklärt: Die Menschen machen keinen Unterschied zwischen Juden aus Israel und Juden aus anderen Ländern. Das erklärt er:
Die Menschen machen keinen Unterschied zwischen Juden aus Israel und Juden aus anderen Ländern. Für sie ist es das Gleiche und damit eine komplizierte Situation für die sarajewanischen Juden, die aus gemischten jüdisch-muslimischen Familien stammen. Sie wagen es nicht zu sagen, dass sie Juden sind, denn dann werden sie von den bosnischen Muslimen für die Politik in Israel verantwortlich gemacht. Auch auf persönlicher Ebene habe ich schlechte Erfahrungen gemacht: Muslimische Kinder näherten sich meiner Tochter in der Schule und fragten sie, warum sie ihr Volk tötet[muslimische Palästinenser in Israel]. Auch wenn ich darauf bestehe, meine Kippah zu tragen, während ich durch die Straßen von Sarajevo gehe; ohne die Tatsache zu verschleiern, dass ich Jude bin, bin ich auch viel vorsichtiger als vor einem Jahr. Ich denke, dass andere Juden in Sarajevo noch mehr Angst haben als ich, offen zu zeigen oder zu sagen, dass sie Juden sind.

Zusammenfassend fasst Vladimir die Überlegungen zum Antisemitismus in Sarajevo zusammen: Sarajevo hat in Bezug auf Antisemitismus eine bessere Bilanz als andere Orte in Europa, die eher antisemitisch sind. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, die die junge Frau mit uns geteilt hat, dass Antisemitismus unerlässlich ist, zumindest im Cyberspace. Darüber hinaus sagte Yehuda, dass Antisraelismus Antisemitismus in einem solchen Maße verursacht, dass es antisemitisches Mobbing an der Schule seiner Kinder gibt. Die Juden in Sarajevo haben laut ihm sogar Angst, offen zu zeigen, dass sie Juden sind.

Wir waren auch neugierig zu erfahren, wie die einst wohlhabende jüdische Gemeinde in Sarajevo heute mit der Erhaltung jüdischer Bräuche und Identitäten umgeht. Wenn sie ihre alten Traditionen und Sprachen beibehalten. Elma erklärte uns, dass die heutige Gemeinschaft viel weniger Mitglieder hat als vor dem Zweiten Weltkrieg und dass sie hart um den Erhalt der jüdischen Kultur Sarajevos kämpft. In Sarajevo hat die Kultivierung des Judentums, wie in anderen Städten des ehemaligen Jugoslawiens, eher einen kulturellen und sozialen als einen religiösen Charakter. Dies entspricht der atheistischen Ideologie und Einstellung der kommunistischen Gesellschaft in Jugoslawien. Auch die Synagoge war und ist in zwei Hälften geteilt. Der obere Teil des Gebäudes ist eine Synagoge (wie wir auf dem Foto unten sehen können), während der untere Teil ein Veranstaltungsort ist.

In jugoslawischen Zeiten engagierten sich Jung und Alt aktiv in der jüdischen Gemeinschaftsarbeit durch verschiedene Clubs und kulturelle Aktivitäten. Noch heute findet jede Woche eine Sonntagsschule statt, die den Kindern Konzepte des Judentums näher bringt. Außerdem betreibt die Gemeinschaft einen Studentenclub, einen Frauenclub namens Bohoreta und es gibt einen religiösen Teil der Gemeinschaft, aber keinen Rabbiner. Es gibt auch einen “Sozialbereich” der Gemeindeorganisation, der sich zusammen mit der jüdischen NGO Benevolencija um die Mitglieder kümmert, die materielle Unterstützung benötigen.

Die hebräischen Sprachkurse in der Gemeinschaft erloschen aufgrund des sinkenden Interesses ihrer Mitglieder. Es gibt eine beträchtliche Anzahl junger Erwachsener, die die Sprache sprechen, weil sie während des Krieges in Bosnien und Herzegowina in den 90er Jahren in Israel lebten. Nur wenige ältere Mitglieder haben noch Kenntnisse in Judäo-Spanisch. Es gibt jedoch eine positive Einstellung zum modernen Spanisch heute, da einige der Mitglieder der Gemeinschaft an der Möglichkeit interessiert sind, die spanische sephardische Staatsbürgerschaft zu nutzen, und daher modernes Spanisch lernen müssen.

Visiting the Jewish Community in Sarajevo

Visiting the Jewish Community in Sarajevo

On a pleasant early autumn Tuesday morning, we [four scholars from Germany, Montenegro and Serbia] came to the Jewish Community in Sarajevo situated in 59, Hamdije Kreševljakovića Street, by the Miljacka river. The Jewish Community inherits a long tradition that dates back to the mid-16th century, when the first Sephardic Jews came to Ottoman Sarajevo. The Jewish population of Sarajevo at that time spoke Judeo-Spanish. With the Austro-Hungarian occupation of Sarajevo in 1878, a significant number of Ashkenazi Jews came to Bosnia and Herzegovina from different parts of the Empire. They brought different traditions and languages with them. By then, the two Jewish groups – the Ashkenazim and the Sephardim –  were separate communities until the period after World War II, although they were united by the Zionist ideology. In the post-1945 Communist era, the former Ashkenazi synagogue in Hamdije Kreševljakovića Street became the social, but also religious epicenter of all remaining Jews in Sarajevo. This synagogue continues to be the hub of Jewish culture and belonging in Sarajevo until present day. For this the reason, the Community members that we met on this particular day in September 2018 were of both Sephardic and Ashkenazi origin.

We started off our conversation with addressing their thoughts regarding anti-Semitism. Among the Community members was the secretary general of the Community, Elma Softić-Kaunitz, who shared with us her generally positive views on this matter and spoke of significant tolerance towards Jews. At the same time, she admitted that the predominantly Muslim population in Sarajevo usually have anti-Israeli political attitudes.

A young woman, who did not wish to be named or photographed, told us that: “No one here would tell you something [anti-Jewish] face-to-face but the comments online are really, really bad.” She adds that she often finds the word čifut in the comments, which comes from Turkish and is pejorative for a Jew in Serbo-Croat.

29-year old Vladimir Andrle had a more optimistic perception of anti-Semitism in Sarajevo. He reflects upon the situation like this:

Today, we’re the only Jewish Community in Europe with no security [guards and installations]! Consider the fact that nobody ever attacked the synagogue and the Jewish Community. We don’t have the same degree of anti-Semitism as in other European countries. Most of it takes place on the Internet where people insult the Jewish people, but it doesn’t occur in ‘real life.’ Not in Sarajevo.

49-year old Yehuda Kolonomos could not come to the Community to meet us, but he came to our hotel the following day. He told us that all Jews in Bosnia and Herzegovina are seen as Israelis and thus held responsible for the politics of Israel. He explains:

People don’t make a difference between Jews from Israel and Jews from anywhere else. It’s the same to them, and therefore a complicated situation for those Sarajevan Jews coming from mixed Jewish-Muslim families. They don’t dare say that they are Jews because then they will be blamed by the Bosnian Muslims for the politics in Israel. On a personal level I have had bad experiences as well: Muslim kids approached my daughter in school, asking her, why she’s killing their people [Muslim Palestinians in Israel]. Even though I insist on wearing my kippah [a cap worn by Jewish religious men] while walking the streets of Sarajevo; not hiding the fact that I’m Jewish, I’m also much more careful than I was a year ago. I think other Jews in Sarajevo are even more afraid than me to show or say openly that they are Jews.

Summing up the reflections on anti-Semitism in Sarajevo, according to Vladimir, Sarajevo has a better record regarding anti-Semitism than other places in Europe, which are more anti-Semitic. At the same time, the experience that the young woman shared with us shows that anti-Semitism is vital, at least in the cyber space. Moreover, Yehuda said that anti-Israelism causes anti-Semitism to such extent that there is anti-Semitic bullying at his children’s school. Jews in Sarajevo are, according to him, even afraid to show openly that they are Jewish.

We were also curious to know how the once prosperous Jewish community in Sarajevo deals with preservation of Jewish customs and identity today. If they keep their old traditions and languages. Elma explained to us that the Community of today has much less members than before the Second World War and that they are struggling hard to maintain the Sarajevo Jewish culture. In Sarajevo, just like in other former Yugoslav cities, the cultivation of Judaism has a cultural and social character rather than a religious one. This corresponds with the atheist ideology and attitudes of the communist society in Yugoslavia. Even the synagogue was and still is divided in two halves. The upper part of the building is a synagogue (as we can see on the photo below), while the lower part is a place where people meet and have social gatherings.

In Yugoslav times, the young and old were engaged actively in Jewish communal work through different clubs and cultural activities. Still today, there is a Sunday school taking place every week that is introducing concepts of Judaism to the children. Moreover the Community runs a student club, a women club called Bohoreta and there is a religious section of the Community but no residential rabbi. There is also a ‘social section’ of the Community organization which, together with the Jewish NGO Benevolencija, take care of the members that are in a need of material support.

The Hebrew language courses in the Community ceased to exist owing to the decrease in interest of its members. There is a significant number of young adults who speak the language because they lived in Israel during the war in Bosnia and Herzegovina in the 1990s. Only a few elderly members still have some knowledge of Judeo-Spanish. There is a positive attitude towards modern Spanish today however, as some of the Community members are interested in the opportunity to take the Spanish Sephardic citizenship, and therefore, will have to learn modern Spanish.

Bohoreta Women’s Club

Bohoreta Women’s Club

The Bohoreta Club was founded as a women’s section in 1965, the community itself immediately after the return of the Jews to Sarajevo with the support of JOINT. Since there are many mixed families, there are no traditions, these were interrupted, holidays were not held or only passed on in the family. The president has taken over her task from her mother and grandmother. Today the women’s section sees it as its duty to prepare the festive holidays for the whole community (500), e.g. Passover (a description of the traditions follows), Succot, etc. Since the last rabbi died in 1954, there are no more trained church representatives. Igor, the son of the chairman, leads the church services and wants to become a rabbi himself.

Among the women, the eldest is an Auschwitz survivor who is 94 years old, a once-known architect who has not been able to come for two years. The youngest ladies are mostly over 70, and from time to time there are still two younger ones.

Many come from mixed families or whose children are married and in-laws to Serbs, Croats or Muslims. The women’s club is therefore also very open, there is also a Muslim woman (Kassima) present, whose husband is Jewish. According to Jonna Rock, another lady who calls herself a Yugoslavian is not a Jew, but a friend of one of the women. So the group is very open, maybe this is also true for the whole community, where there are hardly any or no Jews of strict faith.

The chairwoman has a non-Jewish mother, she did not meet her father Isaak, because he was deported to Jasenovac in April, she herself was born in June. She and her sister had blue eyes, went to her mother’s village, hid there and survived the war. When she went to the women’s meetings with her mother and grandmother as a young woman, she was asked what she wanted there as a young woman. But she was not employed anywhere, so she had time and the task was gradually handed over to her.

Her husband comes from Macedonia and is the only one of 62 family members who survived there. The others were deported from Skopje to Treblinka in 1943.

At home only the grandparents spoke to each other Ladino, the father still could. The ladies present still understand some things, but don’t speak them anymore. They cultivate their heritage through songs, in some families proverbs from the Ladino have survived.

60,000 inhabitants of Sarajevo were warned of the war by a fifth of Jews. 9,000 were murdered. The middle generation has almost completely broken away due to emigration in the last war.

Bohoreta Women’s Club

Bohoreta Women’s Club

Der Bohoreta-Klub wurde als Frauensektion 1965 gegründet, die Gemeinde selbst sofort nach der Rückkehr der Juden nach Sarajevo mit Unterstützung des JOINT. Da es viele gemischte Familien gibt, sind keine Traditionen vorhanden, diese wurden unterbrochen, Feiertage wurden nicht gehalten oder nur in der Familie weitergegeben. Die Vorsitzende hat ihre Aufgabe von der Mutter und Großmutter übernommen. Heute sieht es die Frauensektion als ihre Pflicht an, für die ganze Gemeinde (500) die Feiertage festlich vorzubereiten, z.B. Pessach (es folgt eine Beschreibung der Traditionen), Sukkot usw. Da 1954 der letzte Rabbiner starb, gibt es keine ausgebildeten Gemeinderepräsentanten mehr. Igor, der Sohn der Vorsitzenden, leitet die Gottesdienste und möchte selbst Rabbiner werden.

Unter den Frauen ist die Älteste eine Auschwitz-Überlebende, die 94 Jahre alt ist, eine einst bekannte Architektin, die seit zwei Jahren aber nicht mehr kommen kann. Die jüngsten Damen sind meist über 70, es kommen noch ab und zu zwei deutlich Jüngere dazu.

Viele Mitglieder stammen entweder selbst bereits vielfach aus gemischten Familien oder deren Kinder sind mit Serben, Kroaten oder Muslimen verheiratet und verschwägert. Der Frauenclub ist deshalb auch sehr offen, es ist auch eine Muslimin (Kassima) anwesend, deren Mann Jude ist. Auch eine weitere Dame, die sich selbst als Jugoslawin bezeichnet, ist nach Auskunft von Jonna Rock keine Jüdin, sondern mit einer der Frauen befreundet. Die Gruppe ist also sehr offen, evtl. gilt das auch für die ganze Gemeinde, in der es kaum oder gar keine strenggläubigen Juden gibt.

Die Vorsitzende hat eine nichtjüdische Mutter, ihren Vater Isaak hat sie nicht kennengelernt, da er im April nach Jasenovac deportiert wurde, sie selbst ist im Juni geboren. Sie und ihre Schwester hatten blaue Augen, sind in das Dorf der Mutter gegangen, haben sich dort versteckt gehalten und haben so den Krieg überlebt. Als sie als junge Frau zu den Treffen der Frauen mit der Mutter und Großmutter mitging, wurde sie gefragt, was sie als junge Frau dort wolle. Sie war aber nirgendwo angestellt, hatte also Zeit und so ist die Aufgabe allmählich an sie übergeben worden. Ihr Mann kommt aus Makedonien und hat dort als einziger von 62 Familienmitgliedern überlebt. Die anderen wurden 1943 aus Skopje nach Treblinka deportiert.

Zu Hause haben nur die Großeltern untereinander Ladino gesprochen, der Vater konnte es immerhin noch. Die anwesenden Damen verstehen noch einiges, sprechen es aber nicht mehr. Sie pflegen ihr Erbe durch Lieder, in manchen Familien haben sich noch Sprichwörter aus dem Ladino erhalten.

Vor dem Krieg warnen von 60.000 Einwohnern Sarajevos ein Fünftel Juden. 9.000 wurden ermordet. Die mittlere Generation ist durch Auswanderung im letzten Krieg fast ganz weggebrochen. 

Visit to the Historical Archive Sarajevo (HAS)

Visit to the Historical Archive Sarajevo (HAS)

Text: Goranka Ćejvanović / Photographs: Aleksandar Jakir, Goranka Ćejvanović

The Foundation and Activities of the Archives in Bosnia and Herzegovina (BuH)

The first official and legally established archival activities in Bosnia and Herzegovina began at the end of 1947 with the founding of the State Archives of Bosnia and Herzegovina. Then the municipal archives in Sarajevo, Banja Luka, Tuzla, Mostar etc. are formed. In pre-war Yugoslavia, the archival institutions established a structured scientific network, which was consequently destroyed at the beginning of the war in 1992. This not only resulted in the damage and partial destruction of the archives and libraries, but also in the loss of the financial resources and experts needed to build up the cultural legacy that remained after the war. During the war, the Bosnian-Herzegovinian archives remained mainly under regional ethnic military and paramilitary control.

In today’s Bosnia and Herzegovina, the archives are subject to either state, entity or cantonal legislation, depending on their affiliation. The technological and spatial conditions for the use of these archives can also vary, although it should be noted that the archive material is generally available to national and international researchers as well as private individuals.

The Historical Archive Sarajevo – Historijski Arhiv Sarajevo (HAS)

The HAS, which today is located in Alipašina 19 and belongs to the Sarajevo canton, was able to preserve the entire pre-war collection. It is also presented to the public in exhibitions according to various thematic focuses.

Within the framework of the workshop “Discursive inclusion and exclusion of Jews in the Balkans” which took place in Sarajevo from 03-09.-05.09.2018, the HAS was visited by some participants, students and professors: Besides the general information about the archive and its treasures, it was also important for us to receive some information about the Sephardic life in Sarajevo.

In quite a small space we were received by the director of the Fuad Archive Ohranović and his archivist Atif Mušinović and Admir Nezirović

But even if it seems to be furnished in a minimalist way, this archive houses an impressive archive that dates from the foundation of the city of Sarajevo (here only fragments), thus from the pre-Ottoman period until today. It thus shows the cultural, sociological, political and historical development of the city itself, as well as that of its inhabitants.

Here it should be particularly important that the University and National Library of Bosnia and Herzegovina and the Gazi-Husrev Library (which has a large digital collection), with which the HAS cooperates closely, keep complementary collections.

In addition to the extensive Oriental Collection in Turkish and Arabic, including the transcript of Isa-Begs Vakufnama dating from 1461, documents of inestimable value are kept in the archive. These also include private and family collections, such as those of the historian Hamdija Kreševljaković.

Various archives from the Austro-Hungarian period, such as maps, magazines, decrees, etc., as well as the 1910 census are available to users. In this census not only the religious affiliations were recorded, but also the ownership conditions within the area between Vijećnica and Zemaljski muzej were documented. The HAS also houses the statistics of the 1925 population census and all the administrative documents of the NDH era.

The Sarajevo Sephardi and Laura Papo Bohoreta Manuscripts

The above-mentioned Census are of particular importance as it examines the demographic development, growth and decline of the Jewish community (Sephardi and Ashkenazzi) in various historical, economic and political contexts. But the HAS also preserves other diverse documents about the Sephardic Jews who settled here after the expulsion from Spain in the mid-16th century.

The manuscripts of the Sephardin, Laura Papo Bohoreta, who was born in Sarajevo in 1891, should be mentioned in particular, as the special feature of this manuscript lies on the one hand in its content and on the other in the language used. Laura Papo Bohoreta wrote her various documents in the Judeo-Spanish (Sephardic or Ladino) language, which is threatened by language death in present-day Bosnia and Herzegovina. In addition, the author and feminist includes the way of life and tradition of the Sephardic Jews in her literary works. One of her most important manuscripts is the monograph “”La mužer sef”.

One of her important manuscripts is the monograph “La mužer sefardi de Bosna”, which has also been translated into Bosnian (“Sefardska žena u Bosni”) thanks to the Romanist Muhamed Nezirović

On the occasion of the celebration of the 450th anniversary of the Sephardic community in Bosnia and Herzegovina, the HAS and the Faculty of Philosophy of the University of Sarajevo, in cooperation with the local Embassy of the Kingdom of Spain, will publish the trilogy of Bohorea’s digitized manuscripts between 2015 and 2017.
In addition to the already mentioned monograph, the three volumes also publish poems, essays, dramas, including the famous drama “Esterka”, premiered in Sarajevo.

This three-volume publication “Laura Papo Bohoreta – rukopisi”, which is also increasingly important for scientific circles, not only bears witness to the traditional values of the Bosnian-Herzegovinian Sephardi, but also to a multicultural society in the region that has existed for centuries. Multiculturalism, as well as interreligious tolerance – especially in the city of Sarajevo – are also shown by other artifacts, especially the famous Sarajevo Haggadah with its unique history of survival, and (according to Andrić) “usnuli lavovi” (the sleeping lions) – the gravestones of the Jewish cemetery founded in 1630.

Posjeta Historijskom arhivu Sarajevo

Posjeta Historijskom arhivu Sarajevo

Tekst: Goranka Ćejvanović / Fotografije: Aleksandar Jakir, Goranka Ćejvanović

O djelatnosti arhiva u BiH

Prva zvanična i zakonom zaštićena djelatnost arhiva u Bosni i Hercegovini je uspostavljena krajem 1947. godine, kada je osnovan Državni Arhiv Bosne i Hercegovine, kojem slijede i osnivanja gradskih arhiva, kao što su sarajevski, banjalučki, tuzlanski, mostarski itd.

Arhivske ustanove, kao kulturološke institucije, na području SFRJ-a etabliraju međusobnu strukturiranu suradnju, koja početkom rata 1992. godine biva razarana. Dolazi ne samo do stradanja arhivske kao i bibliotetske građe[1], već i do nestanka financijskih sredstava i kompetentnih stručnjaka za obnavljanje preostale postratne kulturne baštine.

Tokom rata, na području BiH, arhivi opstaju uglavnom pod regionalno-etničkom kontrolom vojnih ali i paravojnih formacijama.

Danas postoje na nivou države, entiteta i kantona legislativna uređenja o arhivima u kojima vladaju različiti tehnološki i prostorijski uslovi za korisnike. Korištenje arhivske građe je u suštini dostupno nacionalnim kao i internacionalnim istraživačima i privatnim osobama.

Historijski arhiv Sarajevo (HAS)

U HAS-u, koji se danas nalazi u Alipašinoj ulici br. 19 i koji je pripada Kantonu Sarajevo, je sačuvana cjelokupna arhivska građa, koja publici po različitim tematskim težištima biva izložena/prezentirana.

U sklopu radionice „Discursive inclusion and exclusion of Jews in the Balkans”, održane od 03.09.-05.09.2018. u Sarajevu, jedan dio učesnika iz regije i Njemačke, studenata i profesora, posjetio je Historijski Arhiv Sarajevo. Pored opštih informacija o samom arhivu i njegovoj građi, željeli smo saznati šta HAS u odnosu na sefardsku zajednicu posjeduje.

U prilično maloj prostoriji, koja istovremeno služi kao čitaonica, nas je dočekao direktor arhiva Fuad Ohranović, kao i viši arhivisti Atif Mušinović i Admir Nezirović.

Iako minimalistički uređen, ovaj arhiv posjeduje značajnu građu od osnivanja grada Sarajeva (fragmenti), iz predosmanske dobi pa sve do danas, koja uglavnom pokazuje razvoj Sarajeva i njegovog stanovništva u kulturološkom, sociološkom, političkom i historijskom kontekstu.

Mimo toga se treba istaknuti i bliska suradnja sa Nacionalnom i univerzitetskom bibliotekom Bosne i Hercegovine, ali i sa Gazi-Husrev-Begovom bilbliotekom, u kojoj je mnoštvo bosansko-hecegovačke arhivske baštine digitalizirano, ali i čija je građa  jedna drugu dopunjavajuća.

Pored bogate orijentalne zbirke na turskom i arpskom jeziku, kao što je npr. prepis Gazi Isabegove vakufname koja datira iz 1461. godine, u arhivu se čuva neprocjenjiva vrijednost dokumenata. U te također spadaju porodični i lični fondovi, kao što je npr. fond historičara Hamdije Kreševljakovića.

Korisnicima je dostupna i građa iz austrougraske dobi: karte, časopisi, ili popis stanovništva iz 1910. godine, sa dodatnom oznakom porijekla, vjeroispovijesti, ali i dokumentacijom o vlasništvu – od Vijećnice do Zemaljskog muzeja. Pored navedenog popisa arhiv sadrži i podatke popisa iz 1925. godine, kao i cjelokupnu upravnu dokumentaciju iz dobi NDH.

Sarajevski Sefardi i lični fond Laure Papo Bohorete

Napomenuti popisi sarajevskog stanovništva su posebnog značaja, ukoliko se istražuje demografski razvoj, rast i pad jevrejske zajednice (Sefarda i Aškenaza) u različitim historijskim, ekonomskim i političkim kontekstima.  No, u Historijskom arhivu se čuvaju i raznovrsni drugi dokumenti o sarajevskim Sefardima, koji se, prognani iz Španije, sredinom 16. stoljeća naseljavaju u ovaj grad.

Naročito bi se trebali istaknuti rukopisi 1891. godine u Sarajevu rođene Sefardkinje Laure Papo Bohorete. Posebnost njenih rukopisa je sadržajnog i jezičnog tipa. Služeći se judeo-španskim (sefardskim ili ladino) jezikom, kojem danas na prostorima BiH prijeti jezikoumorstvo, ova autorica, ali i feministica u svoja književna i dramska djela implicira život i tradiciju sarajevskih Sefarda.  Jedno od znamenitih djela Bohorete je monografija „La mužer sefardi de Bosna“, koja je, zahvaljujući romanisti dr.  Muhamedu Neziroviću, prevedena i na bosanski jezik („Sefardska žena u Bosni“).

U razdoblju između 2015 i 2017, a povodom obilježavanja 450. godišnjice dolaska Sefarda u BiH, u saradnji sa ambasadom Kraljevine Španije, HAS i Filozofski fakultet Univerziteta u Sarajevu objavljuju trilogiju Bohoretinih digitaliziratih rukopisa. Mimo već spomenute monografije, u ova tri toma su publicirane i pjesme, eseji, dramska djela, kao što je poznata i u Sarajevu izvođena Esterka.

Ovo trodjelno izdanje “Laura Papo Bohoreta – rukopisi“, sve više značajno i za naučno-istraživačke krugove, svjedoči ne samo o tradicionalnim vrijednostima bosansko-hercegovačkih Sefarda, već i o vjekovima postojećoj multikulturalnoj društvenoj sredini na ovim prostorima.  Pogotovo u gradu Sarajevu multikulturalitet, kao i međureligijsku toleranciju pokazuju i drugi artefakti, među kojima su npr. poznata sarajveska Hagada sa svojom jedinstvenom pričom opstanka, ali i, posebno za istaknuti, već stoljećima (po Andriću) „usnuli lavovovi“ – jevrejsko groblje, osnovano oko 1630. godine.

[1] Tokom rata (1992-1995) je po Ademu Kožaru stradalo oko 81.000 metara dužnih arhivske građe.

Besuch im Historischen Archiv Sarajevo (HAS)

Besuch im Historischen Archiv Sarajevo (HAS)

Text: Goranka Ćejvanović / Photographien: Aleksandar Jakir, Goranka Ćejvanović

Zur Gründung und Tätigkeiten der Archive in Bosnien und Herzegowina (BuH)

Die ersten offiziellen und gesetzlich verankerten archivarischen Aktivitäten in Bosnien und Herzegowina beginnen Ende 1947 mit der Gründung des Staatsarchivs Bosnien und Herzegowinas. Danach werden die städtischen Archive in Sarajevo, Banja Luka, Tuzla, Mostar usw. formiert. Im Vorkriegs-Jugoslawien bauen die archivarischen Einrichtungen ein strukturiertes wissenschaftliches Netzwerk auf, dass mit dem Beginn des Krieges im Jahr 1992 folglich zerstört wird. Hierbei kommt es nicht nur zur Schädigung und anteiligen Zerstörung des Archivs – und Bibliotheksguts, sondern auch zum Schwund der finanziellen Mittel als auch der Fachexperten, die für den Aufbau der nach dem Krieg verbliebenen kulturellen Vermächtnisses notwendig sind. Während des Krieges bleiben die bosnisch-herzegowinischen Archive hauptsächlich unter der regional-ethnisch geführten militärischen und paramilitärischen Kontrolle.

Im heutigen Bosnien und Herzegowina unterliegen die Archive je nach Zugehörigkeit entweder der staatlichen, der entitäten oder der kantonalen Gesetzgebungen. Auch die technologischen und räumlichen Nutzungsbedingung dieser können unterschiedlich sein, wobei anzubringen ist, dass das Archivmaterial grundsätzlich nationalen und internationalen Forschern als auch Privatpersonen zur Verfügung steht.

Das Historische Archiv Sarajevo – Historijski Arhiv Sarajevo (HAS)

Das HAS, das sich heute in der Alipašina 19 befindet und dem Kanton Sarajevo zugehört, konnte den gesamten Vorkriegsbestand aufbewahren. Dieser wird zudem nach verschiedenen thematischen Schwerpunkten in Ausstellungen dem Publikum präsentiert.

Im Rahmen des in Sarajevo veranstalten Workshops „Discursive inclusion and exclusion of Jews in the Balkans”, das vom 03-09.-05.09.2018 stattgefunden hat, wurde das HAS von einigen Teilnehmenden, Studierenden und Professor_innen, besucht: Neben den allgemeinen Informationen über das Archiv und seine Schätze, war uns wichtig auch welche in Bezug auf das sephardische Leben in Sarajevo zu erhalten.

In recht kleinem Raum sind wir von dem Direktor des Archivs Fuad Ohranović sowie seinen Archivisten Atif Mušinović i Admir Nezirović empfangen worden.

Doch auch wenn scheinbar minimalistisch eingerichtet, dieses Archiv beherbergt ein beeindruckendes Archivgut, das von der Gründung der Stadt Sarajevo (hier nur Fragmente), also aus der vorosmanischen Zeit bis heute datiert. Dieses lässt somit die kulturelle, soziologische, politische und historische Entwicklung der Stadt selbst, als auch die seiner Bewohner aufzeigen.

Hier sollte insbesondere angebracht werden, dass die Universitäts- und Nationalbibliothek Bosnien und Herzegowinas, als auch die Gazi-Husrev-Bibliothek (verfügt über großen digitalisierten Bestand), mit denen das HAS in enger Zusammenarbeit steht, hierzu sich ergänzende Bestände innehalten.

Neben der umfangreichen Orientalischen Sammlung in türkischer und arabischer Sprache, unter die auch die Abschrift Isa-Begs Vakufnama die aus dem Jahr 1461 datiert, werden im Archiv Dokumente von unschätzbarem Wert aufbewahrt.  Zu diesen zählen auch private und Familiensammlungen, wie beispielsweise die des Historikers Hamdija Kreševljaković.

Aus der österreich-ungarischen Zeit stehen den Nutzern verschiedene Archivalien, wie Karten, Zeitschriften, Erlasse usw. aber auch die Volkszählung aus dem Jahre 1910 zur Verfügung. In dieser wurden nicht nur die Religionszugehörigkeiten vermerkt, sondern ebenso die Besitzverhältnisse, innerhalb des Areals zwischen der Vijećnica und dem Zemaljski muzej, dokumentiert. Zudem beherbergt das HAS die Statistiken der Bevölkerungszählung aus dem Jahr 1925 sowie die gesamten Verwaltungsdokumente der NDH-Ära.

Die Sepharden Sarajevos und die Handschriften Laura Papo Bohoretas

Die oben erwähnten Censuus sind von besonderer Bedeutung, insofern die demographische Entwicklung, der Wachstum und der Rückgang, der jüdischen Gemeinschaft (Sepharden und Aschkenasen) in verschiedenen historischen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten untersucht wird. Doch im HAS werden auch andere vielfältige Dokumente über die sephardischen Juden, die sich nach der Vertreibung aus Spanien hier Mitte des 16. Jahrhunderts ansiedeln, bewahrt.

Die Handschriften der 1891 in Sarajevo geborenen Sephardin, Laura Papo Bohoreta, sollten insbesondere erwähnt werden, denn das Besondere dieser liegt zum einen in dem Inhalt und zum anderen in der verwendeten Sprache. Ihre diversen Schriftstücke verfasste Laura Papo Bohoreta in der judeo-spanischen (sephardischen oder ladino) Sprache, die im heutigen Bosnien und Herzegowina vom Sprachtod bedroht ist. Zudem schließt die Autorin und Feministin in ihre literarischen Werke die Lebensweise und die Tradition der sephardischen Juden ein. Eine ihrer bedeutsamen Handschriften ist die Monografie „„La mužer sefardi de Bosna“, die dank dem Romanisten Muhamed Nezirović auch in das Bosnische übersetzt worden ist („Sefardska žena u Bosni“).

Anlässlich der Feierlichkeiten des 450-jährigen Bestehens der sephardischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina veröffentlichen das HAS und die Philosophische Fakultät der Universität Sarajevo in Zusammenarbeit mit der hiesigen Botschaft des Königreichs Spanien im Zeitraum von 2015 bis 2017 die Trilogie der digitalisierten Handschriften Bohoretas publiziert.

Neben der bereits erwähnten Monographie werden in den drei Bänden auch Gedichte, Essais, Dramen, u. a das in Sarajevo uraufgeführte bekannte Drama „Esterka“, veröffentlicht.

Diese dreibändige Publikation “Laura Papo Bohoreta – rukopisi, das zunehmend auch für wissenschaftliche Kreise von Bedeutung, zeugt nicht nur von den traditionellen Werten der bosnisch-herzegowinischen Sepharden, sondern ebenso von einer über Jahrhunderte bestehenden  multikulturellen Gesellschaft in der Region. Die Multikulturalität, als auch die interreligiöse Toleranz – vor allem in der Stadt Sarajevo – bezeigen aber auch andere Artefakte; insbesondere die berühmte Sarajevo Haggadah mit ihrer einzigartigen Überlebensgeschichte, sowie (nach Andrić) „usnuli lavovi“ (die schlafenden Löwen) – die Grabsteine des im Jahre 1630 gegründeten jüdischen Friedhofs.