Inklusion und Exklusion

Diskursive Inklusion und Exklusion von Muslimen und Juden

Das Projekt organisiert zwei Workshops (in Montenegro und in Bosnien-Herzegowina) zum Thema „Diskursive Inklusion und Exklusion von Muslimen und Juden“ mit Studierenden und Wissenschaftlern unterschiedlichen akademischen Alters aus drei Westbalkan-Ländern sowie Vertretern einschlägiger NGOs organisieren, wobei gemeinsame  projektthematisch bezogene Exkursionen in lokale Milieus in Bosnien und Montenegro zentraler Bestandteil der Zusammenkünfte sein sollen. Die Workshops werden durch die gemeinsame Erstellung eines thematischen Korpus vorbereitet und deren Ergebnisse durch die Einbindung des Korpus in größere Projekte und die Veröffentlichung der Workshopresultate im Internet zugänglich gemacht.

Ziele der Veranstaltung

Auf den Workshops sollen Studierende, Doktorandinnen und Wissenschaftlerinnen aus Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina sowie Deutschland ins Gespräch kommen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihren Postkonflikt-Gesellschaften zu diskutieren.
Paradigmatisch wird hierfür das Thema Islam und Judentum und der Umgang mit Minderheiten gesetzt, an dem sich Demokratiedefizite ablesen lassen. Die Thematik ist prototypisch für den Westbalkan, dessen Herauslösung aus dem Osmanischen Reich vergleichsweise spät stattgefunden hat. Trotz der militärischen Gewaltexzesse in den Balkankriegen 1912/13 ist die westbalkanische Demographie bis heute stark von muslimischer Präsenz geprägt.

Das Projekt wird aus der Sicht einer transdisziplinären Linguistik hohes gegenwartsdiagnostisches Potenzial entwickeln und durch geschickte Dissemination politische Relevanz im sog. „Berliner Prozess“, d.h. der EU-Integration des Westbalkans, entfalten. Alleinstellungsmerkmal ist die Schwerpunktsetzung auf sprachliche Phänomene: Ausgrenzungen und minority-building beginnen immer mit herabsetzendem Reden über „die Anderen“ (schlimmstenfalls als hate speech), wobei diese Stereotypisierungen immer mit der Überhöhung der eigenen Gruppe korrelieren, die ebenfalls sprachlich verfasst ist.

Daher fokussiert das beantragte Projekt die Dialektik von Inklusion und Exklusion anhand von zwei religiösen Minderheiten: einerseits den spanischsprachigen jüdischen Sepharden, die sich seit ihrer Flucht von der iberischen Halbinsel Ende des 15. Jahrhunderts in Balkanmetropolen wie Thessaloniki, Bitola, Sofia, Plovdiv, Belgrad, Sarajevo angesiedelt haben, andererseits Muslimen auf dem Balkan, die autochthon (durch freiwillige oder erzwungene Konversion zum Islam übergetreten) oder im Zusammenhang mit der osmanischen Eroberung Südosteuropas im 14.-15. Jahrhundert zugezogen sind. Beide Gruppen gehörten in osmanischer Zeit eher zur ökonomischen und urbanen Elite, wurden aber mit der Ende des Osmanischen Reichs marginalisiert und erlebten extreme Umbrüche: Während die sephardischen Gemeinden des Balkans größtenteils im Holocaust ermordet werden, verringerte sich die Zahl der Muslime in Südosteuropa vor allem in den 1910er Jahren durch ethnic cleansing (Ermordung, Vertreibungen und Bevölkerungsaustausch) ebenfalls drastisch.

Über die relevante thematische Auseinandersetzung hinweg verfolgen die Veranstaltungen das Ziel, Akteure verschiedener Ebenen und aus insgesamt sechs Ländern ins Gespräch zu bringen: Professorinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen; NRO-Vertreterinnen und Hochschulmitarbeiterinnen; Musliminnen, Christinnen und Jüdinnen; Albanerinnen, Serbinnen, Montenegrinerinnen, Bosnjakinnen und Deutsche; Politikwissenschaftlerinnen, Linguistinnen und Kulturwissenschaftlerinnen.
Das Projekt spiegelt über die Dialektik von Mehrheit und Minderheit am Beispiel der Diskurse über Islam und Judentum auf dem Balkan die Beziehung zwischen EU-Europa und Südosteuropa wider, die ebenfalls hierarchisch und asymmetrisch ist. Hier kann das Projekt dazu beitragen, die einseitig negative Perzeption des Balkans als Ort der Kleinstaaterei und irrationalen ethnischen Hasses zu relativieren und zu differenzieren.

Angesichts der laufenden Flüchtlingsdebatte, die den EU-europäischen Konsens aufzubrechen droht, bietet Südosteuropa infolge der fast fünfhundertjährigen osmanischen Herrschaft historische Erfahrungen, die für die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen einzufangen und nutzbar zu machen sind: Vor allem ein kulturelles Gedächtnis, das von hoher Diversität geprägt ist


Gefördert vom DAAD mit Mitteln des Auswärtigen Amtes